Besuch bei Santa Claus oder wie Mittelstandsfamilien pleite gehen…

Ich entschuldige mich im Vornerein für alle Rechtschreibfehler, Wiederholungen und Co…der Artikel ist einfach zu lang! 😉

Vor 4 Tagen haben Chrissi und ich den personifizierten Wunschtraum aller Kinder getroffen: Den Weihnachtsmann.
Der hat hier in Rovaniemi nämlich seinen offiziellen Heimatsort. Schreibt irgendein 7 -jähriger, noch nicht desillosionierter Junge an irgendeinem Ort der Welt einen Brief an den dicken Mann, der durch jeden Schornstein passt, landet er hier am Polarkreis. Denn hier kann man ihn das ganze Jahr über antreffen, Gerüchte über weissbärtige Männer am Strand von Honululu sind definitiv Falschmeldungen. Was uns aber im Land der Geschenke, in Santa Village, erwartete, war eine Desillusionierung par Excellence. Eine Frechheit sondergleichen und ein Beweis, das hier jegliche Aufrechterhaltung unschuldiger Kinderideale gnadenlos ausgenutzt wird…aber ich fang lieber am Anfang an.

Am Dienstag schwangen Chrissi und ich uns aufs Rad, um zum 9 km entfernten Santa Village zu radeln und den Rentierschlittenreiter der ersten Stunde persönlich zu treffen. Trotz Regenwettermeldung und der Tatsache, dass wir eigentlich Sommer haben, fuhren wir also los. Glücklicherweise war Petrus gerade glücklich drauf und wir hatten einen recht trockenen, wenn auch teilweise steilen Hinweg. Die Hügel hier sind für eine Gelegenheitsradlerin und einen flachlandverwöhnten Münsterländer nicht selten Ausdauersport pur. Die letzten paar 100 Meter vor unserm ersten Blick auf ein Haus des Santa Villages waren da trotz Mountainbikes und erstem Gang etwas fordernd. Chrissi entschied sich kurzzeitig, lieber zu schieben. Ganz ehrlich: Das war da steiler, als das Foto vermuten lässt.


Bei bewölktem Wetter schlossen wir unsere Räder am Rand der Anlage ab, deren erster Annlick für Radfahrer eher mager war. Ich hab zwar gerade kein Bild davon, aber neben dem roten Haus war eine Baustelle/Müllhalde/Lagerstelle. Vor unserer generellen Orientierung dort oben, landeten wir direkt im ersten Souvenirshop vollgepackt mit Winterzeugs, wie Fellen, Hüten, Handschuhen, Kuscheltieren und natürlich jede Menge Santa Claus Zeug. Klar, dachte ich mir, Geld wird ja überall rausgeschlagen, wo könnte man es besser machen, als hier, wo jedes Jahr tausende von Kinderwünschen landen. Oh man, wie recht ich behalten sollte…

Nachdem wir uns schließlich richtig orientieren konnten, liefen wir schnurstracks rüber zum offiziellen Postamt des Weihnachtsmannes, da wo die ganzen Briefe ankommen und da wo man für einen persönlichen Brief des Weihnachtsmannes püntklich zu Weihnachten 7 € zahlen darf. Nun ja…dafür ist der Inhalt des Briefes, wie uns die 4 Sprachen sprechende Wichtelfrau erklärte, bis zu den Festtagen geheim und jeder Brief wird persönlich unterzeichnet.

Das war eigentlich alles ganz nett. Die hatten da jede Menge echt netter Postkarten und Briefmarken, die man sich kaufen und in einen von zwei Briefkästen stecken konnte. Der eine war für direkte Lieferung und der andere war für Lieferung pünktlich zu Weihnachten. So konnte man schon im Sommer seine Weihnachtspost erledigen ;-). Neben dem ständigen Geräusch vom Abstempeln der Post war die Stimmung in dem Postamt meiner Meinung nach das angenehmste und schönste in Santa Village.

Weiter gings ins Center des Village, dort wo es eine Linie gab, über die man ging und ganz offiziell am Polarkreis war. Coole Sache für Touristen und Kameraknipser ^^. Leider hatte der Huskypark, in den Chrissi unbedingt wollte, gar nicht erst geöffnet, obwohl da stand, dass er zur Sommerzeit bis 16 Uhr besucherfähig wäre. Hmm, seltsam, aber egal…dann eben kein bestaunen süsser Hunde. Schnell noch durch 2 weitere Souvenirshops, in denen es unter anderem Rentierfleisch in Dosen für 8€, knuffelige kugelrunde Rentierplüschtiere und 5000€ teure Bergkristalle gab, weiter zur Hauptattraktion des ganzen Drumrums. Der dicke, alte, sympathische Herr, der die Farben Rot und Weiss mag und ein Rudel zu oft erwähnter Rentiere sein eigen nennt. Der Weihnachtsmann! Santa Claus himself!
Und ab hier war es für mich einfach nur Unglaublich und Unerträglich. Bevor ich von der Missetat, die hier an jedem Besucher begangen wird, erzähle, schnell noch das Panorama von Santa Village im Sommer, ohne Schnee und Beleuchtung.

Santa Village Center: Um das Panorama in voller Größe zu betrachten, bitte das Bild mit Hilfe der rechten Maustaste im neuen Fenster öffnen! Sorry, ich musste es teilweise zusammenstempeln und man sieht das ^^ nobody is perfect.

Jetzt kommt der Oberknaller. Wir gehen also (tut mir leid, wenn ich in diesem Text mal zwischen den Zeiten hin und her hüpfe, ist ja nur fürs Internet …und Gegenwart wirkt jetzt dramatischer)…öhh…Moment. Nochmal von vorne.
Wir gehen also ins Gebäude, um den Macher himself zu treffen. Freier Eintritt…nette Sache. Gibt sogar nen VIP Pass dabei und die nette Wichteldame hinter dem Computerbildschirm spricht uns auf Deutsch an. Was für ein Service. Keine Fotos? Nein? Ok, kein Problem, die wollen sich etwas Exklusivität behalten. Also weiter…durch halbdüstere, atmosphärische Gänge mit einem Riesenpendel, al’a Hogwarts (wie man es in den Potter Filmen sieht) und stimmungsvoller Beschallung im Hintergrund. Man fühlt sich etwas klein in diesen Gängen, aber irgendwie interessant. Schade, dass hier keine Fotos erlaubt sind. Wäre eh zu dunkel. Oh. 3 Pendel an denen man ziehen kann. Nett. Es ertönen Wettergeräusche.
Eine Treppe hoch und wir stehen vor einer Tür, die uns mit einem vorgespanntem Seil freundlich bittet zu warten. Machen wir glatt. Wenn man schon so freundlich gebeten wird. Der große Moment ist da. Ein Wichtelmann kommt, hängt das Seil ab und wir dürfen rein. Da sitzt er. In einem großen Sessel mit Rauschebart und lächelt uns herzlich an. Begrüßt uns auf Deutsch, bevor wir ein Wort sagen können. Wow, das ist ja mal klasse. Als ob der Gedanken lesen könnte. Wir sollen uns setzen. Der alte Mann plauscht mit uns 1 Minütchen, wir erzählen wo wir her sind und was wir hier machen. Einmal bitte lächeln. BLITZ. Das Foto ist im Kasten. Schön verabschieden, allen ein nettes Leben wünschen und das wars mit dem Besuch beim Weihnachtsmann.

Ab hier mache ich mal einen Schnitt, denn ab hier fällt der Vorhang. Es macht klirr und die Illusion verschwindet. Alles was ab jetzt passiert, erscheint einem in einem ganz anderen Licht. Die Erinnerung an das Geschehene verblasst und wir sehen die Wahrheit. Wie das gehen kann? Ganz einfach:
Wir verlassen den Raum des Weihnachtsmannes, der plötzlich erschreckend genau einem durchgeplantem Fotostudio gleicht. Am nächsten Stand im Gang steht einen Familie, die sich das gerade aufgenommene Foto anschaut. Belichtung und Inszenierung sehen toll aus. Kostet bestimmt 10€, denk ich mir. Wie es halt so üblich ist. Nein…was wollen die für ein Fotos haben? 25€?`Uff… . Was? Das geht ja sogar noch teurer! 50€ für das Foto auf USB Stick? Und ein Video dazu… hmm…. moment….Video? Wir wurden gefilmt? Tatsächlich. Ab dem Moment des Hereintretens in Santas Raum lief eine Kamera, die uns in Bild und Ton festgehalten hat. Verdammt. Ich grinse ja, wie ein Honigkuchenpferd, mit meinem roten Riesenpickel im Gesicht. Chrissi zupft sich die ganze Zeit an den Haaren fürs Foto. Das Foto plus Video gibts übrigens für mehr als 50€.

Wir haben uns das selbstverständlich verkniffen. Gesehe haben wir aber mehr als nur einen Besucher, bzw. Besuchergruppe, die bereit waren, das Geld für das Bild und auch das Video hinzulegen. So wird hier jungen Familien das Portemonai erleichtert. Ich kann mir kein kleines Kind vorstellen, dass nicht rumquängelt, bis Papa endlich entnervt seinen Geldbeutel herauszupft und bereitwillig bezahlt. Unter schlappen 200€ kommt hier keine Jungfamilie raus. Nicht mit den mindestens 20 auf dem Gelände verteilten Souvenirshops, dem Eintritt für den Santa oder Huski Parks und dem Geld für Fastfood und Getränke obendrein.

Im Winter wird man hier vielleicht eingelullt vom tiefen Schnee, umher irrenden Wichtelchen und atmosphärischer Musik, doch im Sommer und erst recht nach dem Besuch beim Herrn höchspersönlich, ist man als einigermassen aufgeklärter Mensch einfach nur enttäuscht und überfordert von so viel Geschäftemacherei. Der Sinn fürs Weihnachtsfest wird gnadenlos ausgenutzt, um Kohle damit zu schäffeln. Ich frag mich echt, ob die hier irgendwelche Tests hatten, um zu gucken, wo die Schmerzgrenzen für bestimmte Preise, wie die Santa Claus Fotos liegen.

Empöhrung, Empöhrung, Empöhrung, Empöhrung. Wut, Wut, Wut. So werden Kinderwünsche ausgenutzt, um den dicken Reihbach zu machen. Mir war das da echt zu viel, auch wenn man es einmal gesehen haben sollte, nur um hinter die Fassade modernen Weihnachtens zu blicken.

Morgen gehts für uns wieder los. Wir fahren mit dem Sprachkurs für 3 Tage nach Inari. Vorher fährt der Bus noch Santa Village an, mit vielen nichtsahnenden Menschen, deren Kindertraum es vielleicht war, den Weihnachtsmann zu treffen und sich im Sommer von Weihnachtsstimmung ergreifen zu lassen. Chrissi und ich haben uns vorgenommen in der Zeit die herliche Umgebung zu erkunden. Nochmal tu ich mir das allerhöhstens im Dezember, bei 10 Meter hohen Schnee an.

PS: Als ob Petrus meine Stimmung gerochen hätte, regnete es die letzte Stunde unseres Besuches im Santa Village. Als wir uns endlich durchgerungen hatten, es mit dem Regen auf zu nehmen und unsere Fahrräder bestiegen, hörte er in genau dem Moment, als wir die Pedale berührten, wieder auf. Ein kleiner Lichtblick in dieser düsteren Geschäftemacherwelt 😉